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Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept
aus arbeitsmedizinischer Sicht
Das von ROHMERT und RUTENFRANZ entwickelte Belastungs-Beanspruchungs-Konzept ist die
strategische Basis für die gesamte arbeitsmedizinische Forschung. Es bietet darüber
hinaus die Grundlage für alle Interventionen zur Schaffung menschengerechter
Arbeitsbedingungen und ist gleichermaßen die Ausgangsüberlegung für alle
arbeitsmedizinischen Vorsorgemaßnahmen und gutachterlichen Erwägungen.
| Begriffsbestimmungen |
 |
Belastung
| Unter Belastung werden alle von außen
auf den Menschen einwirkenden Einflußfaktoren subsumiert, welche in der Lage sind, eine
Reaktion des Organismus auszulösen. |
Belastung ist in vielen Fällen ohne Kenntnis der davon betroffenen Individuen
beschreibbar und oft auch meßbar (z. B. Höhe und Dauer aufzuwendender Kräfte, Gewicht
und Hubhöhen von Lasten, Art und Menge angebotener Information, Schalldruckpegel,
Konzentration von Schadstoffen in der Atemluft).
Das Belastungs- Beanspruchungskonzept kann auf alle Lebensbereiche (Arbeit, alle
Aktivitäten in der Privatsphäre, Sport) angewandt werden.
Obwohl die Gesamtbelastung eines Menschen aus den Einflußfaktoren aller seiner
Lebensumstände resultiert, soll in diesem Lehrbrief - sehr wohl mit Verweis auf
andere Lehrabschnitte - nur die berufliche Belastung näher betrachtet werden.
(Berufliche) Belastung kann
- aus der Art und dem Schwierigkeitsgrad Arbeitsaufgabe selbst,
- aus den physikalischen, chemischen, biologischen Arbeitsumweltbedingungen,
- aus den speziellen Vollzugsbedingungen (z. B. technische Hilfsmittel, Zeitvorgaben),
- aus den sozialen Beziehungen zu Vorgesetzten und Mitarbeitern
resultieren.
| Was verstehen Sie unter Belastung? |
Beanspruchung
Unter Beanspruchung ist jede
durch einen äußeren Einflußfaktor hervorgerufene Reaktion zu verstehen.
Diese kann den gesamten Körper, ein Organsystem, ein einzelnes
Körperorgan oder eine isolierte Funktion eines Organs betreffen.
Die Beanspruchung des Menschen muß dennoch als Ganzkörperreaktion
und stets als Folge der Belastungen aus allen Lebensbereichen gesehen werden. |
Die Beanspruchung kann
- unspezifisch (z. B. im Sinne einer allgemeinen Aktivierung bei jeder Tätigkeit,
erkennbar an einer Beschleunigung von Herz- und Atemfrequenz, Erhöhung des
Wachheitsgrades)
- spezifisch (z. B. Schweißsekretion unter Hitzeeinwirkung, Aktivierung bestimmter
Enzymsysteme bei Schadstoffexposition, spezielle Anpassungsmechanismen bei Wiederholung
gleichartiger Beanspruchungen)
sein.

Beanspruchung ist immer an konkrete Personen gebunden. Sie wird
hinsichtlich Art und Ausprägung der stattfindenden Reaktionen durch die individuellen
Adaptationsbreiten von Organfunktionen, somit durch die individuelle Disposition
(personenspezifische Reaktionsmuster auf äußere Einflüsse) und Resistenz
(Besonderheiten im Abwehr- und Anpassungsverhalten z. B. aufgrund einer besonderen
Enzymausstattung) bestimmt.
| Was verstehen Sie unter Beanspruchung? |
| Kategorien und Formen der Belastung und Beanspruchung |
 |
In der Auseinandersetzung mit der Umwelt muß der Mensch bei der
Bewältigung von Anforderungen sowohl als ein energietransferierendes als
auch ein informationsverarbeitendes System fungieren. Zugleich ist er oft Umweltfaktoren
ausgesetzt, die ihn ebenfalls zu körperlichen Reaktionen veranlassen. Aus dieser Tatsache
bietet sich aus didaktischen Erwägungen eine Abgrenzung verschiedener Kategorien von
Belastung und Beanspruchung an.
Während die physische (Muskelakitvität) und psychonervale
Belastung (Aktivität des Nervensystems) und Beanspruchung vorwiegend aus der
Arbeitsaufgabe bzw. der aktuellen Anforderungssituation selbst resultieren, sind Expositionen
durch die Arbeitsumweltfaktoren oder Ausführungsbedingungen bei der Bewältigung einer
körperlichen oder geistigen Arbeitsaufgaben bedingt.
Bei letzteren handelt es sich um
| physikalische Einwirkungen, wie
z. B. |
- Lärm einschließlich Infraschall,
- mechanische Schwingungen (Ganzkörperschwingungen, Teilkörpervibration),
- Klimafaktoren (Lufttemperatur, Temperatur der Umschließungsflächen, Luftfeuchte,
Luftgeschwindigkeit),
- nichtionisierende Strahlung (Licht einschließlich LASER, Ultraviolett und Infrarot),
- ionisierende Strahlung (Röntgenstrahlung, Korpuskularstrahlung),
|
| chemische Einwirkungen, wie z.
B. |
- Stickgase,
- Reizstoffe einschließlich Säuren und Laugen,
- Lösungsmittel, Plastgrundstoffe, Farbstoffe und ähnlich eingesetzte organische Stoffe,
- Agrochemikalien (Biozide, Wuchsstoffe),
- Metalle,
- Luftverunreinigungen durch nichttoxische Stäube,
wie z. B. Quarzstaub, Asbest, andere "inerte" Stäube,
|
| biologische Faktoren, |
wie z. B. Viren, Bakterien, Pilze. |
Die Schadwirkungen expositioneller Faktoren sind sehr vielgestaltig. Sie
werden in späteren Abschnitten abgehandelt.
| Was verstehen Sie unter dem Begriff "Exposition"? |
| Nennen Sie einige Beispiele für expositionelle Belastungsfaktoren und deren
konkrete Ursachen im Arbeitsprozeß. |
| Ursachen für Belastung und Beanspruchung |
 |
| Belastung und Beanspruchung der vorgenannten Art kann verursacht sein
durch |
-
Arbeit,
-
Sport und Spiel,
-
Aktivitäten zur Organisation und Erhaltung der Art, der Gesellschaft, der Familie und
des eigenen Lebens,
-
Aktivitäten zur Abwendung oder Kompensation unerwünschter Fremd- und
Umgebungseinflüsse.
|
| |
| Für ein besseres Verständnis des Belastung-Beanspruchungs-Konzepts sind
einige weitere Überlegungen zu Begriffsinhalten angeraten: |
| |
| Arbeit |
|
ist zielgerichtete menschliche Tätigkeit |
| ___ |
- durch welche unter Einsatz körperlicher
Ressourcen ("biologischer Aufwand" - "Beanspruchungsaspekt")
- ein Resultat erzielt werden soll,
- dessen Quantität und Qualität
- eine positive Fremdbewertung erfährt ("Ergebnisaspekt").
|
Spiel (synonym: Hobby) |
|
ist zielgerichtete menschliche Tätigkeit |
|
- unter Einsatz körperlicher Ressourcen
- mit der Zielfunktion, durch den Vollzug
selbst Freude und Bedürfnisbefriedigung zu erleben.
|
|
Ein dabei entstehendes nach Quantität und
Qualität bewertbares Resultat ist nicht vorrangiges Ziel, sondern ein zusätzlicher,
erfreulicher Nebeneffekt. |
Sport |
|
Ist zielgerichtete menschliche Tätigkeit |
|
|
| Freude am Vollzug selbst ist erwünscht,
jedoch nicht zwangsläufig vorhanden (z. B. unter "harten" Trainingsbedingungen,
im Leistungssport, im Wettkampf). |
Die Erhaltung der Art,
die Organisation der Gesellschaft, der Familie und des eigenen Lebens |
|
erfordern ebenfalls |
|
- zielgerichtete Aktivitäten
- unter Einsatz körperlicher Ressourcen
- mit sehr konkreten Zielen und zugleich sehr
unterschiedlichen Zielrichtungen,
- jedoch ohne die bei "Arbeit"
übliche "Entlohnung".
|
|
- Ähnlich wie bei "Arbeit" ist
etwas zu verrichten, das vom Ausführenden selbst oder durch Fremdbestimmung als
"notwendig" deklariert ist;
das erzielte Ergebnis kann durch Eigen- und Fremdbeurteilung sehr unterschiedliche
Bewertungen erhalten;
es kann Freude bereiten und wird evtl. gerade deswegen getan.
|
Unbeeinflußbare
Fremdeinwirkungen
(Naturereignisse, Umweltfaktoren, Urbanisierungsfolgen, Handlungen anderer Personen) |
|
können gezielte Aktivitäten unter
Einsatz körperlicher Ressourcen notwendig machen, um unerwünschte Folgen abzuwenden oder
zu kompensieren (z.B. Klimafaktoren, Lärm, Luftverunreinigungen, Gewalteinwirkung
physischer und psychischer Art).
Die Abgrenzung zu vorgenannten Belastungsursachen (Arbeit, Erhaltung der Art ...) ist
unscharf. |
|
Der Versuch einer Abgrenzung verschiedener
Formen "zielgerichteter menschlicher Tätigkeit" macht zweierlei deutlich: |
| 1. |
|
Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, ob unter
"Arbeit" nur die im Rahmen eines arbeitsrechtlichen Vertrages vollzogene und
entlohnte Tätigkeit verstanden werden soll. |
| 2. |
|
Zur Beurteilung von Belastung und Beanspruchung eines
Menschen darf nicht nur sein Arbeitsleben betrachtet werden. Es müssen darüberhinaus die
aus allen Lebensbereichen resultierenden Anforderungen bedacht werden, welche in
irgendwelchen Funktionssystemen Reaktionen zur Bewältigung physischer, psychonervaler und
expositioneller Belastungsmomente auslösen können. |
| Bewertung der Phänomene Belastung und Beanspruchung |
 |
Belastung und Beanspruchung sind wertfreie Begriffe. Sie beschreiben
lediglich die in den vorstehenden Definitionen genannten Sachverhalte, ohne diesen
zugleich eine positive oder negative Bewertung zuzuweisen. Letztere ergibt sich in jedem
Einzelfall aus der Konstellation der einwirkenden Belastung zur individuellen
Belastbarkeit bzw. dem Adaptationsvermögen der beanspruchten Funktionseinheiten der
konkret betroffenen Person (s. Tabelle 3 im
Abschnitt "Leistungsfähigkeit). Trotz der großen Spielbreite möglicher
Reaktionsweisen auf denselben Einflußfaktor läßt sich folgende Verallgemeinerung
treffen:
Unterforderung ist ungünstig, da vorhandene
Leistungsvoraussetzungen verkümmern.
Belastung mit einem Beanspruchungsniveau innerhalb der
Adaptationsbreite von Organsystemen und innerhalb sog. Dauerleistungsgrenzen
wirkt als Trainings- und Konditionierungsreiz.
Gleiches gilt in der Regel für kurzzeitige und geringgradige
Überforderungen der momentanen Leistungsfähigkeit.
In Abhängigkeit von individuellen Erwartungshaltungen können sie auch zum
Discomforterlebnis führen und dadurch negativ bewertet werden.
Langzeitige und/oder erhebliche Überlastung
schadet.
|
Abb.: Wirkung von Belastung und
Beanspruchung |
Günstige Folgen von Belastung und Beanspruchung sind:
Mögliche negative Folgen von Belastung und Beanspruchung lassen
sich nach der in Tabelle 2 aufgeführten Weise ordnen.
| |
- Physische Belastung
- und Beanspruchung
|
- Psychonervale Belastung
- und Beanspruchung
|
- Expositionen
|
- Akut
|
- Ermüdung
- Übermüdung
|
- Ermüdung
- Streß
- Psychische Sättigung
|
- Akute Vergiftung
- Thermische Schädigung
- = Arbeitsunfall
|
- Chronisch
|
- Erschöpfung
- Vorzeitiger Verschleiß
- insbes. am Stütz- und Bewegungsapparat
- = evtl. Berufskrankheit
- Beschleunigung von
degenerativen und Alterungsprozessen
|
- Chronischer Streß
- "vegetative Dystonie",
- Psychosomatische Erkrankungen,
- Modifizierender Faktor bei Entstehung und Verlauf z.B. von
- - Bluthochdruck,
- - Magengeschwür,
- - Neurosen
|
- Chronische Vergiftung,
- Hautekzem,

- Krebs,
- Staublunge,

- Innenohrschwerhörigkeit,

- Infektionskrankheit,
- ........................... usw.
- = Berufskrankheit
- Cofaktor im allgemeinen Krankheitsgeschehen
|
Für fast alle Organsysteme ist bekannt, vie sich deren Funktionsgrößen
unter Belastung verhalten. Dieses Wissen ist vielfach geeignet, den Schweregrad einer
Belastung und damit auch deren Gesundheitsrelevanz zu beurteilen
( Dauerleistungsgrenzwerte).
| Wie sind nach Ihrer Meinung beruflich bedingte Belastungen und daraus
resultierende Beanspruchungs-reaktionen zu bewerten? |
| Nennen Sie positive und negative Folgen von Belastung und Beanspruchung.
|
-
Welche Beziehungen sehen Sie zwischen Expositionen aus der
urbanen und der Arbeitsumwelt? |
| Warum ist es gerechtfertigt und notwendig, das
Belastungs-Beanspruchungs-Konzept nicht nur mit Sicht auf die Arbeitsumwelt
anzuwenden? |
Aus den vorstehenden Ausführungen wird
deutlich:
Ob die aus Arbeit resultierende Belastung und Beanspruchung positive oder gar negativen
Folgen hat, hängt davon ab, inwieweit die Gestaltungsregeln für eine "menschengerechte
Arbeitsgestaltung" befolgt wurden:

Kriterien und Ebenen der Gestaltung von
Arbeitstätigkeiten (Luczak 1989)
| |
Kriterium |
Berührter
Problembereich |
| 1. |
Schädigungslosigkeit und
Erträglichkeit |
physiologisch
biochemisch
psychologisch
klinisch |
| 2. |
Ausführbarkeit |
anthropometrisch
psychophysisch
technisch-organisatorisch |
| 3. |
Zumutbarkeit,
Beeinträchtigungsfreiheit |
soziologisch
physiologisch
psychologisch
ökonomisch |
| 4. |
Zufriedenheit der
Arbeitenden,
Persönlichkeitsförderlichkeit |
psychologisch
medizinisch
erziehungswissenschaftlich |
| 5. |
Sozialverträglichkeit |
soziologisch
ökonomisch
erziehungswissenschaftlich |

| Kriterien nach |
|
|
|
|
| Rohmert 1983: |
1.
ausführbar |
2.
erträglich |
3.
zumutbar |
4.
zufrieden |
| Hacker 1984: |
1.
ausführbar |
2.
schädigungslos |
3.
beeinträchtigungsfrei |
4.
persönlichkeitsförderlich |
Bei der Einrichtung konkreter Arbeitsplätze und -verfahren gilt es also,
folgende Belastungsmomente zu beachten und bewußt die Regeln einer "menschengerechten Arbeitsgestaltung" zu
befolgen:
| Kategorie |
Ergonomische /
arbeitsphysiologische / arbeitshygienische
Gestaltungsmerkmale |
| Physische
Belastung Physische Belastung |
- Schweregrad der Arbeit /
aufzuwendende Kräfte
- Prinzipieller Handlungsstil
(Bewegen / Halten)
- Hubhöhen und -wege bei Hebe- und
Trageleistungen
- Lokale Überforderung kleiner
Muskelgruppen?
- maßliche / anthropometrische
Arbeitsplatzgestaltung /
Körperstellung und -Haltung
|
| Psychonervale
Belastung |
- Menge, Komplexität,
Darbietungsform von Informationen
- Komplexität und
Schwierigkeitsgrad von Arbeitsaufgaben
- "Software-Ergonomie" bei
Bildschirmarbeit
- Verantwortungsumfang
- Zeitliche Vorgaben
- Gestaltung der sozialen Kontakte
|
| Physikalische
Arbeitsumweltfaktoren |
- Mikroklima
- Lärm
- Mechanische Schwingungen
- Beleuchtung
- Elektromagnetische Felder
- Ionisierende Strahlung
- UV-Strahlung
- Laser
- Ultraschall
- Außergewöhnlicher Luftdruck
|
| Nichttoxische
Stäube |
- Fibrogene Stäube (quarz-,
asbesthaltige Stäube)
- Stäube mit vorwiegend irritativer
Wirkung
- Stäube mit vorwiegend
allergisierender Wirkung (meist pflanzlichen und tierischen Ursprungs)
|
| Chemische
Arbeitsumweltfaktoren |
- Stickgase
- Reizstoffe einschließlich Säuren und Laugen
- Metalle
- Halogene
- Kohlenwasserstoffe und deren
Oxydationsprodukte
- Halogenkohlenwasserstoffe
- Organische Stickstoffverbindungen
(Amine, Nitro- Aminoverbindungen)
- Organische Schwefelverbindungen
- Organische Phosphorverbindungen
- Gefahrstoffgemische jedweder Art
(Lösungsmittel, Kunststoffchemikalien, Pyroloyseprodukte, Pestizide und andere
Agrochemikalien ..)
|
| Biologische
Arbeitsumweltfaktoren |
- Viren, Bakterien und andere
Mikroorganismen
- Pilze / Pilzsporen
- Tierische Parasiten
|
| In weiteren Abschnitten dieses Lehrbriefes wird auf die
einzelnen Kategorien der Belastung und Beanspruchung näher eingegangen.
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In
diesen Kapiteln ( s. Inhaltsverzeichnis),
u.a. aber auch in folgenden on-line-Quellen finden Sie ausführliche Informationen zu
negativen Belastungs- und Beanspruchungswirkungen (Krankheitsbilder,
Präventionsmaßnahmen): |
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Informationen erschließen Sie sich bitte über unser LINK-Angebot. |
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