Universität Rostock - Medizinische Fakultät - Institut für Arbeits- und Sozialmedizin
E. Münzberger: Modularer Lehrbrief "Einführung in die Arbeitsmedizin"

Abschnitt: Einführung in die Arbeitsphysiologie

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Im Kapitel go_next.gif (886 Byte)  "Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept aus arbeitsmedizinischer Sicht" haben Sie wichtige Begriffe und die für arbeitsmedizinische Belange bedeutsamen Kategorien der Belastung und Beanspruchung kennengelernt. Letzteren wollen wir und nun etwas ausführlicher zuwenden.

Lehrbriefinhalt
Gliederung:
Teil 1
Teil 2
 

Physische Belastung und Beanspruchung 


 

Im Arbeitsprozeß hat der Mensch durch Muskelanspannungen bzw. Muskelbewegungen mechanische Kräfte gegenüber äußeren Krafteinwirkungen zu entfalten. Sei es, daß er Arbeitsmittel, Arbeitsgegenstände oder Bedienelemente bewegen, Lasten heben oder tragen oder auch nur seinen Körper gegen die Schwerkraft in einer bestimmten Lage positionieren muß.

Die dafür notwendige Energie wird in der arbeitenden Muskulatur transferiert. Dazu stehen energiereiche chemische Substanzen wie Glukose (im Blut gelöster Zucker) und Glykogen (ein im Muskel gespeichertes stärkeähnliches Kohlehydrat) zur Verfügung. Durch die unter Sauerstoffverbrauch erfolgende Zellatmung oder einen bei Sauerstoffmangel ablaufenden Gärungsprozeß entsteht die eigentlichen Energie-Transmittersubstanz Adenosin-Triphosphat (ATP). Dieses wird vom Muskel während seiner Kraftentfaltung in eine energieärmere Verbindung (Adenosin-Diphosphat, ADP) abgebaut.

Eine fortgesetzte Muskelarbeit ist nur möglich, wenn durch Zellatmung (= aerober Energiestoffwechsel) bzw. Gärung (=anaerober Energiestoffwechsel) aus dem ADP erneut ATP resynthetisiert wird. Optimal ist dies nur möglich, wenn die arbeitende Muskulatur über die Blutgefäße bedarfsgerecht mit Glukose und Sauerstoff versorgt wird und gleichzeitig die aus der Zellatmung resultierenden Abbauprodukte Kohlendioxid und Wasser abtransportiert werden. Mit geringerem Wirkungsgrad kann eine ATP-Resynthese auch erfolgen, wenn der Muskel zumindest in der Lage ist, noch vorhandenes Glykogen zu Milchsäure bzw. Brenztraubensäure zu vergären.
  

 Wie ist es möglich, daß ein Muskel Kraft entfalten kann?

 

Prinzipiell sind zwei Formen der Muskelarbeit zu unterscheiden:

 Dynamische Arbeit

 Sie liegt bei der Ausführung von Bewegungen vor und ist gekennzeichnet durch

  • Wechsel von Muskelkontraktion und Erschlaffung (Erholung),
  • bedarfsgerechte Durchblutung des Muskels,
  • bedarfsgerechte Sauerstoff- und Nährstoffversorgung des Muskels,
  • Energietransfer auf der Basis der aeroben Zellatmung mit hohem Nutzeffekt,
  • Möglichkeit der Tätigkeit über längere Zeiträume.

Dynamische Arbeit ist die günstigere Form der Muskelarbeit.

Tätigkeiten mit überwiegend dynamischen Anteilen sind Radfahren, Kurbel-Drehen, Gehen, Laufen, Hin- und Her-Bewegungen von Gliedmaßen, Tätigkeiten mit Bewegungen, bei denen im Wechsel unterschiedliche Anteile der Körpermuskulatur eingesetzt werden.

 Wodurch ist dynamische Arbeit gekennzeichnet? 

 

Abb. 1: Schematische Darstellung von Blutversorgung und Blutbedarf in Ruhe,
bei statischer und dynamisch arbeitenden Muskeln (nach LEHMANN)

 Statische Arbeit

 Sie kommt vor, wenn mittels Muskelkraft

  • Gegenstände gehalten,
  • Lasten gehoben bzw. getragen,
  • Reibungswiderstände überwunden werden müssen oder
  • der Körper gegen die Schwerkraft in einer bestimmten Stellung bzw. Haltung fixiert werden muß.

Sie ist gekennzeichnet durch

  • Dauerkontraktion der ausführenden Muskulatur über längere Zeiträume,
  • ein Mißverhältnis zwischen Sauerstoffbedarf und Sauerstoffversorgung des Muskels, da während der Kontraktion die für die Muskelversorgung verantwortlichen Blutgefäße komprimiert werden,
  • einen anaeroben Energietransfer mit geringem Nutzeffekt auf der Basis der Milchsäuregärung,
  • rasche Ermüdung und demzufolge Unmöglichkeit der Tätigkeitsfortsetzung über längere Zeiträume,
  • ungünstige biomechanische Beanspruchungsbedingungen für Knochen, Gelenke und Bänder mit der möglichen Folge eines vorzeitigen Verschleißes besonders der Wirbelsäule und der großen Gelenke_ (s. BK Nr._2101,_ 2102,_ 2105,_ 2108,_ 2109).
  LWS_druck2.jpg (11770 Byte)
Abb. 2 und 3
Druckverhältnisse in der Lendenwirbelsäule in Abhängigkeit von der Körperhaltung

Statische Arbeit ist die ungünstige Form physischer Belastung und Beanspruchung und sollte vermieden werden.
Häufige Ursachen dafür sind falsche Hebe- und Tragetechniken oder Tätigkeiten in unphysiologischer Körperposition.

 

 
packer2.jpg (27806 Byte) packer1.jpg (23818 Byte)
Abb. 4 und 5
Glaspacker (historische Aufnahme von 1967)
Sehr schwere körperliche Arbeit in unphysiologischer Körperhaltung

 

Zur Vermeidung einer durch unphysiologische Körperstellungen und -haltungen bedingten statischen "Haltungsarbeit" ist es notwendig, Arbeitsplätze nach den anthropometrischen Gegebenheites des Menschen zu gestalten.
  

antrop1.gif (20610 Byte)
Abb. 6

  

Die anthropmetrischen Gestaltungsregeln lauten:
Für Arbeiten, die im Sitzen ausgeführt werden können, sollte ein Sitzarbeitsplatz eingerichtet werden.

Auf diesem sollte die Möglichkeit bestehen, die Körperposition zu ändern und eventuell auch zeitweise stehend zu arbeiten ("dynamisches Sitzen" bzw. "Steh-Sitz-Dynamik")

Reine Steharbeit ist angebracht, wenn
  • extrem grobe Kräfte entfaltet werden müssen,
  • sehr großräumige Armbwegungen unvermeidlich sind oder
  • ein häufiger genereller Ortswechsel erfolgen muß.
Ein Sitzarbeitsplatz ist richtig gestaltet, wenn
  • ein höhenveränderlicher Arbeitsstuhl (in der Regel mit verstellbarer Lehne, evtl. auch mit seitlichen Armauflagen) zur Verfügung steht, bei dessen Benutzung in der Ausgangsposition
  • sich die Arbeitsebene (Höhe des Ortes der Arbeitshandlungen über dem Fuboden) und damit die Platte des  Arbeitstisches in einer solchen Höhe befindet, daß
  • bei locker aufgerichtetem Oberkörper (Körperneigung <_10°, Kopfneigung etwa 30°)
  • die Oberarme etwa parallel zum Oberkörper hängen und
  • die  Ellenbogengelenke etwa 90 bis 110° gebeugt sind,
  • die Hüftgelenke, die Kniegelenke und die Sprunggelenke etwa einen rechten Winkel bilden, wenn die Füße mit der ganzen Sohle flach auf dem Boden stehen,
  • wenn ferner unter dem Tisch genügend Raum für die Unterbringung der Beine vorhanden ist ("Beinraum"),
  • keine Seitwärtsneigung des Körpers erfolgen muß und
  • alle für den Arbeitsvollzug wesentlichen Orte im "physiologischen Greifraum" liegen, d.H. von den Händen ohne unbequeme Körperhaltung erreicht werden können.
Ein Steharbeitsplatz ist richtig gestaltet,
wenn in der Ausgangsposition
  • sich die Arbeitsebene (Höhe des Ortes der Arbeitshandlungen über der Standfläche) in einer solchen Höhe befindet, daß
  • bei "locker aufgerichtetem Körper" (Körperneigung <_10°)
  • bei locker parallel zum Oberkörper hängenden Oberarmen
  • das Ellenbogengelenk etwa 90 bis 110° gebeugt ist,
  • genügend Raum für die Unterbringung der Füße vorhanden ist ("Fußraum")
  • keine Seitwärtsneigung des Körpers erfolgen muß und
  • alle für den Arbeitsvollzug wesentlichen Orte im "physiologischen Greifraum" liegen.
Evtl. sind zusätzlich Armauflagen (zur Abstützug der Arme), Fußauflagen (für bequeme Fußhaltungen bei "hoch"-gestellter Sitzfläche) oder Podeste (für Beschäftigte mit kleiner Körperhöhe an Steharbeitsplätzen) erforderlich.

  

Auch die nicht selten an Bildschirmarbeitplätzen geklagten Beschwerden wie "Steifigkeit" und Schmerzen in den Armen oder im Rücken lassen sich mildern oder vermeiden, wenn auf eine richtige maßliche Arbeitplatzgestaltung geachtet wird:

  

Zum Thema "Bildschirmarbeit" s. auch
go_next.gif (886 Byte)ergo-online / Sozialnetz Hessen und
go_next.gif (886 Byte)Bildschirm-Fragebogen (ASER)

go_next.gif (886 Byte)Späteres Kapitel "Bildschirmarbeit"


Eine ebenso wichtige präventive Maßnahme ist die Begrenzung von Kraftaufwendungen beim Heben und Tragen von Lasten.

Die nach arbeitsphysiologisschen Erkenntnisses zu berücksichtigenden Grenzwerte sind in der folgenden Tabelle aufgelistet:
  
Tabelle:

Grenzwerte (Richtwerte) für das Heben und Tragen von Lasten unter Optimalbedingungen
- Ergebnis einer Literaturrecherche -

lastenGrenzw.gif (64586 Byte)

 

Anleitungen zur Untersuchung von Tätigkeiten mit Lastenbewegung sowie Hinweise zur Vermeidung einer Überlastung werden mit der Verordnung über Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der manuellen Handhabung von Lasten bei der Arbeit (Lastenhandhabungsverordnung - LasthandhabV) vom 4. Dezember 1996 (BGBl. I 1996 S. 1841) gegeben.

Als Instrumente stehen u.a. zur Verfügung (Institut für Arbeitsmedizin, Sicherheitstechnik und Ergonomie e.V., ASER, Wuppertal):

  • für die schnelle Feststellung einer Belastungssituation durch Heben und Tragen
  • Gruppenbewertungstabelle zur Abschätzung des LastenrechnerArbeitsenergieumsatzes nach  Hettinger, Spitzer, Kaminsky
  • Bewertung von Heben und Tragen nach der "Recherche Hettinger"
  • Beurteilung von Lastenhandhabungen anhand von Leitmerkmalen

Sie finden diese bei  go_next.gif (886 Byte) http://www.aser.uni-wuppertal.de/instrumente.htm

  
Ziel aller Maßnahmen zur "menschengerechten Gestaltung" der physischen Belastung ist es, Überlastungen des Stütz- und Bewegungsapparates zu vermeiden und die Beanspruchung des Energiestoffwechsels und der Hilfsfunktionen des Herz-Kreislauf- sowie des Atmungssystems innerhalb unschädlicher Intensitäten ("Dauerleistungsgrenzwerte") zu gewährleisten.
  

 

Wodurch ist statische Arbeit gekennzeichnet? 

Welche Möglichkeiten sehen Sie, die unerwünschte statische Arbeit zu vermeiden bzw. zu minimieren?


  

In der Kategorie 2.1 der Anlage 1 zur Berufskrankheitenverordnung (Erkrankungen durch mechanische Einwirkungen) sind Erkrankungen aufgeführt, die als Folge erheblicher und/oder langzeitiger Überbelastung des Stütz- und Bewegungsapparates auftreten und bei Erfüllung der vom Verordnungsgeber gestellten Bedingungen als Berufskrankheiten anerkannt werden können:

BK_21.jpg (164422 Byte)

 
Kennen Sie Berufskrankheiten, die als Folge einer Überforderung durch physische Belastung und Beanspruchung auftreten können?

 


Psychonervale Belastung und Beanspruchung

 

Mit dem Phänomen der psychonervalen Belastung und Beanspruchung werden alle Sachverhalte und Prozesse subsumiert, die mit der Funktion des Menschen als Informationstransfersystem verbunden sind.

Mittels der Sinnesorgane (Rezeptoren) nehmen wir laufend Information aus unserer Umwelt auf. Nach Reizleitung an das Zentralnervensystem (ZNS) erfolgt im Gehirn eine kognitive Verarbeitung der aufgenommenen Information im Sinne einer "Zustandsdiagnose", gefolgt von einem "Handlungsentwurf" und schließlich der "Handlungssteuerung".

Diese "Handlungsregulation" findet in verschiedenen "Ebenen" statt und beinhaltet 
  • eine Wahrnehmung, d. h. die subjektive innere Widerspiegelung der äußeren Realität (merke: Erkennen kann ich nur, was ich "wiedererkennen" kann, also irgendwann schon einmal kennengelernt habe),
  • eine Bewertung des Wahrgenommenen (gut / schlecht__deutbar / unverständlich__relevant / irrelevant__ Handlungsnotwendigkeit ja / nein__ u. a.),
  • einen Entscheidungsvorgang für den prinzipiellen Umgang mit der aufgenommenen Information (insbes. zur Handlungsnotwendigkeit ja / nein),
  • im zutreffenden Fall eine gedankliche Auswahl möglicher Handlungsvarianten (merke: je besser ich qualifiziert bin, desto mehr Handlungsvarianten - "Freiheitsgrade" - stehen mir dafür zur Verfügung) ,
  • die Entscheidung für eine Vorzugsvariante des weiteren Verhaltens,
  • die zentrale Steuerung des weiteren Verhaltens (Abgabe von Information an die Umgebung, Steuerung von Bewegungen, Speicherung aufgenommener Information u. a.).

 

psybel2.gif (8960 Byte)

RegulatEbenen.gif (46509 Byte)

  
Als weitere Systematik der Handlungsregulation bietet siche folgende Unterscheidung von "Kategorien" und "Ebenen" an:
      
Kategorie Regulationsebene Reaktionen
1. Aktivierungs- regulation Humoral-vegetative Regulationsebene situationsgerechte Veränderung der "vegetativen Tonuslage" zwischen den Polen "Trophotropie/Vagotonus" und "Ergetropie/Sympathikotonus"
Vigilanz- Regulationsebene situationsgerechter Wachheitsgrad
Bewußtseinsorientierung Ausrichtung von Aufmerksamkeit und Konzentration auf anforderungsrelevante Informationen,
Bahnung aufgabenbezogener, Hemmung anderweitiger Informationsflüsse
2. Antriebsregulation Voluntative Regulationsebene Entwicklung von Motiven als "innere Beweggründe" für Handlungen oder Unterlassungen,
"Willensstoßkraft" zur Überwindung aktueller Widerstände, "Willensspannkraft" für Beständigkeit und Dauerhaftigkeit von Handlungen
3. Ausführungs- regulation Perzeptive Regulationsebene mittels Sinnesorganen erfassen, zur Kenntnis nehmen
Kognitiv-intellektuelle Regulationsebene wahrnehmen, erkennen, wiedererkennen, verstehen, ordnen, zuordnen, abstrahieren, bewerten, antizipieren, entscheiden
Sensumotorische Regulationsebene Wahl der Körperposition,
Ausführung wohlkoordinierter Bewegungen
4. Emotionale Regulation Emotionale Regulationsebene Veränderung von Stimmungen, Gefühlen,
Auslösung von Affekten

Für die Arbeitsmedizin ist die psychonervale Belastung und Beanspruchung vorrangig aus folgenden Gründen bedeutsam:
  • Das Leistungsvermögen der Sinnesorgane wie des Nervensystems überhaupt bestimmen die Leistungsfähigkeit eines Menschen ganz wesentlich. Sie sind somit Inhalt leistungsdiagnostischer Ansätze.
  • Negative emotionale Reaktionen (z. B. Angst, Abneigung, Gefühl des "Ausgeliefertseins", Hektik) führen durch Mitinnervation des vegetativen Nervensystems zu unangemessenen Reaktionen der verschiedensten Organsysteme. Sie können beispielsweise Blutgefäßverengungen, unerwünschte Magensäureproduktion, Schlafstörungen, Störungen im Hormonhaushalt auslösen.
  • Psychonervale Fehlbelastungen können dadurch Ursache von "psychosomatischen Krankheiten" wie Bluthochdruck, Geschwüren des Magens und Zwölffingerdarms, von Mangeldurchblutung der Herzkranzgefäße, für Behandlungsmißerfolge bei Stoffwechselkrankheiten (Diabetes mellitus) sein. 
     
Hohe psychonervale Belastung und Beanspruchung ist insbes. zu erwarten
  • bei Mißverhältnis zwischen Qualifikation und Aufgabe (nur zutreffend, wenn gleichzeitig eine hohe Motivation zur Leistungserfüllung besteht)
  • bei häufiger Frustration (="Bewußtwerden der Nutzlosigkeit zweckvoll erachteter Bemühungen")
  • bei Mißachtung der "Software-Ergonomie" bei Bildschirmarbeit
  • bei Zeitdruck, Taktgebundenheit (z.B. Fließbandarbeit, insbes. bei kurzen Taktzeiten)
  • bei Informationsflut
  • bei Entscheidungszwang unter Zeitnot
  • bei subjektiv erlebtem Verantwortungsdruck (Verantwortung für Leben und Gesundheit von Menschen, Verantwortung für hohe Sachwerte)
  • bei subjektiv erlebtem Mobilitätsdruck (häufige, zu eigenen Wünschen im Widerspruch stehende Veränderung der Arbeitsinhalte oder des Arbeitsortes)
  • bei Arbeit unter subjektiv erlebter Gefahr (unabhängig davon, ob real vorhanden oder nicht)
  • bei subjektive Ablehnung der Arbeitsbediungen (unabhängig davon, inwieweit diese geltenden Regeln entsprechen)
  • bei fehlender Motivation
  • bei gestörten zwischenmenschlichen Beziehung (zu Mitarbeitern, zu Vorgesetzten; neuerdings z.B. "Mobbing")
pdf_Tk.gif (1045 Byte) Kurzinformation zum "Download" (Dateiname: PsychBel.pdf; 4 Seiten A4, 93 kB)

Eine in der Vergangenheit oft versuchte strenge Unterscheidung in einerseits reine physische und andererseits psychonervale Belastung / Beanspruchung ("Muskelarbeit" versus "Geistesarbeit") ist nicht möglich. Bei allen Anforderungssituationen, in denen sich ein Mensch befindet, liegen stets Belastungs- und Beanspruchungsmomente beider Kategorien vor: So ist z.B. bei robuster körperlicher Arbeit eine genaue Bewegungskoordination notwendig, der stille Denker fixiert seinen Körper mit Muskelkraft in einer bestimmten Körperstellung und -haltung.

Auch die an Bildschirmarbeitsplätzen geäußerten Mißbefindlichkeiten haben ihre Ursache in physischer und psychonervaler Fehlbelastung. Diese Probleme seien etwas ausführlicher erläutert:

Gelegentlich wird über allgemeine Beschwerden wie Kopfschmerzen, Nervosität , Ermüdung , "Streßerleben", Schwindelgefühl , Schlafstörungen, Muskelverspannung und -schmerzen, Verdauungsstörungen , Appetitlosigkeit und eine Reihe von Augensymptomen wie Augenbrennen, Trockenheitsgefühl / Augentränen, erhöhte Lidschlagfrequenz, Sehverschlechterung mit Myopisierung, Störung des Binokularsehens, Farbsinnstörungen geklagt.

Ursachen dafür sind nicht eine etwa von den Monitoren ausgehende Strahlung, sondern das stundenlange Verharren in einer bestimmten Körperposition ("Zwangshaltung") , eine erschwerte visuelle Wahrnehmung ("Visibility"), das Unvermögen zur Aufrechterhaltung einer geforderten Daueraufmerksamkeit, ein Monotonieerleben, organisatorische Mängel bei der Informationsbereitstellung, das Erlebnis einer Informationsflut unter  Zeitdruck, der Abhängigkeit vom System und des Ausgeliefertseins, der Einflußlosigkeit auf die Antwortzeit, Verständnisschwierigkeiten, fehlende oder verzerrte Rückkoppelung des Arbeitsergebnisses, eine Reduktion der Eigensteuerung und der Freiheitsgrade zu Handeln, schließlich auch eine Reduktion der Qualifikationsausnutzung.

Zur Vermeidung von Fehlbelastungen bei Bildschirmarbeit sind vorrangig drei Forderungen zu erfüllen:

  1. Richtige maßliche Arbeitsplatzgestaltung
  2. Gewährleistung einer guten "Visibility"
  3. Gewährleistung einer richtigen "Software-Ergonomie".

Forderungen an die anthropometrische Gestaltung von Bildschirmarbeitsplätzen wurden einem go_next.gif (886 Byte) vorausgehenden Kapitel bereits dargestellt.

Zur Gestaltung der "Visibility" an Bildschirmarbeitsplätzen sind folgende Regeln zu beachten:

 
  • Bevorzugung von Räumen mit Nordfenstern
  • Arbeit mit Blickrichtung parallel zur Fensterfront
    (kein blendendes Fenster in Blickrichtung,
    kein Monitor-Reflex durch Fenster hinter dem  Rücken)
  • Jalousien, Vorhänge zur gesteuerten Verdunkelung
  • Beleuchtungsstärken : 300 - 500 lx
  • Leuchtdichteverhältnis im Arbeitsbereich 1 : 3
  • Leuchten :
    • seitlich vom Bildschirm - (nicht über dem Bildschirm)
    • parallel - ( nicht längs!) - zur Blickrichtung
    • > 45 Grad hoch hängend
    • Verwendung dunkler Raster
    • nicht in die Decke eingelassen
  • Reflexionsgrade :
    • Decke > 70 %
    • Wände 40 - 70 %
    • Fußboden 30 %
  • Möbelflächen reflexionsarm, mattiert
  • richtiges Verhältnis der Zeichengröße auf dem Monitor zum Betrachtungsabstand:
    • Scheinbare Zeichenhöhe : 22 '
    • Sehabstand = 180 x Zeichenhöhe
  • Ausreichende Darbietungszeit des Bildes
  • Tragen einer "Arbeitsbrille" bei Fehlsichtigkeit (mit spezieller Anpassung an die am Bildschirmarbeitsplatz zutreffende Sehentfernung; nicht identisch mit der "Lesebrille")
 
 
Wichtige Forderungen an die Software-Ergonomie sind  
 

Allgemeine Programmeigenschaften
       

   

Der Programmablauf ist

  • durchschaubar

  • vorhersehbar

  • beeinflußbar

Das Programm ist  

  • leicht erlernbar

  • absturzsicher bei Fehleingaben

  • im Ablauf selbsterklärend hinsichtlich

    • der angebotenen Information

    • der erwarteten Bedienerhandlung

Erfahrungen aus anderen Programmen sind nutzbar, z.B. hinischtlich

  • Aussehen und Funktion von Symbolen ("Icons")

  • Bedeutung und Funktion von Tastaturkürzeln ("Hotkeys")

Es besteht Kompatibilität zu "Populationsstereotypien"
Beispiele:

  • Lese-, Schreib- und Bearbeitungsrichtung von links nach rechts
    und von oben nach unten

  • Rot = "halt" / "Achtung" / "Gefahr" -

  • Grün = "Start" / "go" / "in Ordnung" / "ok"

  • Schieberegler nach rechts oder nach oben = "mehr" / "stärker"

  • Schieberegler nach links oder nach unten = "weniger" / "schwächer"

  • Pfeil nach rechts = "Nächstes" / "Vorwärtsschritt"

  • Pfeil nach links = "Vorheriges" / "Rückwärtsschritt"

  • Auffallende Schrift oder kräftige Signalfarbe deuten immer auf etwas Wichtiges hin

Dialogführung

  • Die Dialogsprache ist Deutsch

  • Codeworte - sofern überhaupt nötig -  sind

    • kurz

    • sinnfällig, funktionsbezogen

    • als Silben sprechbar

  • Die Initiative liegt immer beim Nutzer für

    • Start / Stop / Unterbrechung / Rücksprung

    • Korrekturmöglichkeiten

    • Steuerung der Dialoggeschwindigkeit

  • Die Betätigung von Symbolen ("Icons") und Tastaturkürzeln ("Hotkeys")

    • führen im gesamten Programm zu einer gleichartigen,

    • evtl. auch aus anderen Programmerfahrungen bekannten und

    • erwarteten, vorhersehbaren Programmreaktion

  • Pro Einzelbild wird auf dem Monitor möglichst wenig Information dargeboten

  • Wichtige Dateneingaben

    • müssen quittiert und

    • können sofort korrigiert werden

  • Antwortzeiten auf Eingaben und Handlungsbefehle betragen maximal 2 Sekunden

  • Bei längeren Antwortzeiten erfolgen Warnmeldungen oder "hinhaltende" Mitteilungen

  • Es besteht jederzeit die Möglichkeit zur Besichtigung und Kontrolle
    des aktuellen Gesamt-Bearbeitungsstandes

  • Es besteht jederzeit die Möglichkeit zur Sicherung des momentanen Bearbeitungsstandes

  • Es ist jederzeit möglich, bereits eingegebene und gespeicherte Eingaben zu korrigieren

  • Es besteht Ähnlichkein zwischen Bildschirmabbildung und Eingabebeleg

go_next.gif (886 Byte) S.dazu auch  http://www.sozialnetz-hessen.de/ergo-online/Software/inhalt.htm

 

Die Normenreihe DIN EN ISO 9241, Teile 10-17 enthält konkrete Anforderungen an die ergonomische Gestaltung von Software

Zum Thema "Bildschirmarbeit" s. auch
go_next.gif (886 Byte)ergo-online / Sozialnetz Hessen und
go_next.gif (886 Byte)Bildschirm-Fragebogen (ASER)

Über welche Mißbefindlichkeiten wird an Bildschirmarbeitsplätzen gelegentlich geklagt?
Welche Ursachen dafür kennen Sie?
 
Was verbinden Sie mit dem Begriff "Visibility"
Versuchen Sie, sich sich an mindestens 8 Merkmale einer guten "Software-Ergonomie" zu erinnern

 

Mobbing

bezeichnet einen Prozeß der systematischen Ausgrenzung und Erniedrigung eines anderen Menschen, die von einer oder mehreren Personen betrieben werden.
Diese feindseligen Handlungen geschehen mit einer gewissen Regelmäßigkeit, also mindestens einmal die Woche und über eine bestimmte Dauer, d.h. mindestens ein halbes Jahr.

Kategorien der Mobbing-Handlungen (H. Leymann):
Angriffe auf die Möglichkeit, sich mitzuteilen Der oder die Betroffene wird ständig kritisiert oder beschimpft
Angriffe auf die sozialen Beziehungen Die Opfer werden geschnitten, "wie Luft" behandelt
Angriffe auf das soziale Ansehen Klatsch, Beleidigungen usw.
Angriffe auf die Qualität der Arbeit Entzug von Arbeitsaufgaben,
überhäufung mit ständig neuen Aufgaben oder solchen,
die die Qualifikation übersteigen oder weit unter dem Können liegen
Angriffe auf die Gesundheit u. a. Gewaltandrohungen oder -anwendungen,
z.B. um jemanden einen Denkzettel zu verpassen, sexuelle Belästigung usw.
 
Mobbing - Täter sind häufig
  • Vorgesetzte, die Mobbing als strategisches Instrument zum Personalabbau nutzen oder zumindest tolerieren
  • Personen, die sich in ihrer Position und ihrem Ansehen durch andere bedroht fühlen.
 
Mobbing - Opfer  kann jede oder jeder sein.
Konstellationen mit besonderer Mobbing- Gefahr bestehen, wenn
  • in eine seit Jahren bestehende Gruppe jemand neu hinzukommt ,
  • Formale oder informale Hierarchien sich verändern,
  • Massiver Arbeitsplatzabbau droht oder stattfindet.
  

Besonders gefährdet sind Menschen, die sich durch ein oder mehrere Merkmale von der Gruppe abheben, z.B. durch

  • eine Behinderung
  • die Sprache (evtl. nur den Dialekt)
  • einen anderen Sozialstatus (z. B. alleinerziehend)
  • äußere Auffälligkeiten (Kleidung, Haare)
  • Verhalten (z. B. ein Nichtraucher unter Rauchern oder umgekehrt)
  • weltanschauliche Ansichten
  • evt. auch besonderes Engagement und Leistungsorientiertheit
  • Introversion
  
S.a. go_next.gif (886 Byte) Mobbing (Sozialnetz Hessen)

  


Leistungsfähigkeit - Leistungsbereitschaft 

  
Mit den Phänomenen Belastung und Beanspruchung ist das Problem der Leistungsfähigkeit eng verknüpft.
 
Leistungsfähigkeit ist die
  • aus der Gesamtheit 
  • der verfügbaren
  • angeborenen und erworbenen
  • physischen und psychischen 
  • Eigenschaften und Voraussetzungen
    resultierende
    _____Fähigkeit, 
    _____eine konkrete Aufgabenstellung
  • unter konkreten Vollzugsbedingungen
    _____zu bewältigen,
    _____ohne dabei eine Beanspruchungsintensität mit Gesundheitsrisko zu erreichen.
 
Zur weiteren Differenzierung der Leistungsfähigkeit könnte die Frage nach "Tauglichkeit" oder "Eignung" gestellt werden:
 
Tauglichkeit (Alternativurteil)
= das Vorhandensein der Mindesvoraussetzungen   (physisch, psychisch),
um eine konkrete Aufgabe / Belastung
_- mit akzeptablem Ergebnis
__und
_- mit einer Beanspruchungsintensität
__ohne Gesundheitsrisiko
zu bewälltigen.
Eignung (graduierende Aussage)
= das Vorhandensein solcher (spezieller) Voraussetzungen
(physisch, psychisch),
daß eine konkrete Aufgabe / Belastung
in besonderer Weise, z.B.
_- in besonderer Qualität
_- mit besonders geringem Zeitaufwand
_- mit besonders günstigem Aufwand-Nutzen-Verhältnis
_- mit besonderer Leistungsstabilität
bewältigt werden kann.
  
Der Begriff der Leistungsfähigkeit beinhaltet somit einen "Ergebnisaspekt" und einen "Beanspruchungsaspekt".
Er kann sowohl für den Gesamtorganismus als auch für Organsysteme und einzelne Organe angewandt, sollte aber nie abstrakt, etwa zur pauschalen Charakterisierung eines Menschen gebraucht werden. Die Frage nach "Leistungsfähigkeit" ist demnach nur im Hinblick auf eine konkrete Anforderung und unter Beachtung der Vollzugsbedingungen relevant ("leistungsfähig wofür"?).

 
LF_2.gif (5717 Byte)
 

Als zu bewältigende "Aufgabe" (Aufgabenstellung, Anforderungssituation) kann jede der in den vorausgehenden Abschnitten genannte Belastungskategorie gelten.
          
Die Leistungsfähigkeit resultiert aus inneren und äußeren Leistungsvoraussetzungen:
Tabelle 3: Leistungsvoraussetzungen

Innere Leistungsvoraussetzungen

Äußere Leistungsvoraussetzungen

Physische Leistungsvoraussetzungen
Psychonervale Leistungsvoraussetzungen

Arbeitsmilieu

Außerberufliches Milieu

Geschlecht
Konstitutionstyp
 
Spezif. Disposition/ Resistenz 
Adaptationsbreite von Organsystemen
 
Kalendarisches Alter
Biologisches Alter
Gesundheitszustand
Trainingszustand
Sensumotorisches Regulationsverhalten
Voluntatives Regulationsverhalten
Emotionale Regulation
Temperament
 
Kenntnisse
Fähigkeiten
Fertigkeiten
Gewohnheiten
Einstellungen
Überzeugungen
Ideale
Interessen
Sachliche Bedingung
- Ausrüstung
- maßliche Gestaltung
- Umweltfaktoren
Organisatorische Faktoren, wie
- Arbeitszeitregelung
- Pausenregelung
- Informationsfluß
- Lfd. Qualifizierung
Soziale Faktoren
Zwischenmenschliche Beziehungen
- zu Vorgesetzten
- Zu Mitarbeitern
Arbeitsentgeltregelung
Außerberufliches Milieu
Lebnsweise
Schlafgewohnheiten
Freizeitverhalten
 
Zwischenmenschliche Beziehungen 
- in der Familie
- Nachbarschaft
Aktuelles physisches Aktivierungsniveau
Bedürfnisse
Aktuelle Motivation,
daraus resultierend die

Leistungsbereitschaft
   

 

In den beiden folgenden Abbildungen sind als Beispiele für die Geschlechts- und Altersabhängigkeit der Leistungsfähigkeit das maximale Sauerstoffaufnahmevermögen und die Muskelkraft dargestellt.
 
 Abb. 3: Maximales Sauerstoffaufnahmevermögen in Abhängigkeit 
              von Geschlecht und Lebensalter
 

  Abb. 4: Maximalkraft verschiedener Muskeln in Abhängigkeit vom Geschlecht 

 
 Die Leistungsbereitschaft (= die aktuelle Antriebsstruktur)
ist ausschlaggebend, 
  • in welchem Maße 
  • vorhandene Leistungsvoraussetzungen 
  • im konkreten Belastungsfall 
  • in Leistung umgesetzt werden
wird bestimmt durch
  • Drangzustände:
    • ungerichtete, 
    • oft unerklärliche emotionale Spannungszustände
  • Bedürfnisse ("Bedürfnisspannung"):
    • auf bestimmte Objekte bezogene 
    • subjektiv erlebte 
    • Mangelzustände, deren Befriedigung gewünscht wird
  • Motive:
    • bewußte
    • rational begründete
    • durch Willen gesteuerte
    • aktuelle
    • objekt- und wertbezogene 
    • innere Beweggründe bzw. Antriebe 
    • für das Handeln oder Unterlassen 
 
Inwieweit steht die Leistungsfähigkeit eines Menschen in Beziehung zu dem für die Arbeitsmedizin relevanten Belastungs-Beanspruchungs-Konzept ?
  
Die Ermittlung der Leistungsfähigkeit erfolgt prinzipiell durch die Konfrontation des zu begutachtenden Menschen mit einer dosierbaren Belastung (Aufgabe, Anforderung), bei deren Bewältigung die erbrachte Leistung und die dafür erforderlichen Reaktionen der beanspruchten Organsysteme (go_next.gif (886 Byte)"Beanspruchungsparameter") oder auch Korrelate zwischen diesbezüglichen Meßgrößen erfaßt werden.
   
Im Detail kann dies erfolgen durch
   
1. Belastung in einer Realsituation
(Reale Berufsausübung, Handlungen im Haushalt ode bei der Körperpflege, Sportler im Wettkampf)
Vorteil: Motivation, Übungs- und Trainingseffekte werden wirksam und gehen in das Untersuchungsergebnis ein
Nachteil: Schwierig realisierbar
2. wirklichkeitsnahesnahe Belastungsmodelle
(realitätsbezogen nachgebildete Testaufgaben mit genügend Ähnlichkeit zu Arbeitsaufgaben oder täglichen Verrichtungen - "so tun, als ob ..")
Vorteil: Übungs- und Trainingseffekte werden weitgehend wirksam
Nachteil: Es fehlt die realitätstypische Motivation
3. irgendeine gut dosierbare Belastung
(z.B. Fahrradergometrie, Spiroergometrie, Schellong-Versuche, Glukosetoleranztests)
Vorteil: Leicht realisierbar
Nachteil: Realitätsfern, die Übertragung von Untersuchungsergebnissen kann problematisch sein
   
Inzwischen existieren für die Funktionsgrößen fast aller Organsysteme recht gute Kenntnisse über deren Verhalten unter Belastung sowie über ihre Adaptationsbreiten und die damit verbundenen "Dauerleistungsgrenzwerte". Dieses Wissen ist vielfach geeignet, den Schweregrad einer Belastung und damit auch deren Zumutbarkeit zu beurteilen.

Tabelle: Dauerleistungsgrenzwerte bei dynamischer Arbeit großer Muskelgruppen

dlg1.gif (4075 Byte)

      

Belastungs- und beanspruchungsbedingte Adaptationsphänomene

Im zeitlichen Verlauf jeder Belastungssituation sind die Adaptationsreaktionen "Umstellung auf Arbeit" und "Anpassung an Arbeit" zu beobachten, welche die Fähigkeit zur Bewältigung einer Belastung – also die Leitungsfähigkeit – verbessern.
 
Umstellung auf Arbeit
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Umstellung auf Arbeit ist die Gesamtheit der Funktionsveränderungen bei Beginn jeder Tätigkeit bzw. beim Wechsel der Tätigkeit. 
   
Sie erfolgt innerhalb weniger Minuten und beinhaltet vorwiegend eine allgemeine Aktivierung, eine Intensivierung des Energiestoffwechsels und der dazu dienenden Hilfsfunktionen sowie eine Bewußtseinsumorientierung auf die für die Belastungsbewältigung wichtigen Informationsflüsse.
Sie hat das Ziel, die aktuell erforderlichen Leistungsvoraussetzungen für die Belastungsbewältigung bereitzustellen.

Typische Umstellungsreaktionen sind z. B.

  • ein Anstieg der Herzschlagfrequenz und eine Vergrößerung des Schlagvolumens des Herzen,
  • eine Erhöhung der Atemfrequenz sowie eine Vergrößerung des Atemzugvolumens,
  • eine Umverteilung des Blutvolumens mit Vergrößerung der in der Zeiteinheit zirkulierenden Blutmenge,
  • eine Erhöhung des Energieumsatzes,
  • eine Bewußtseinsumorientierung, zugleich mit einer Erhöhung der Aufmerksamkeit und Konzentration.
 
 Was verstehen Sie unter "Umstellung auf Arbeit"?
        

Bedingt durch die Umstellungsreaktionen weisen alle arbeitsphysiologisch relevanten Beanspruchungsindikatoren während einer Belastungssituation ein prinzipiell gleiches Verlaufsmuster auf. Die Umstellungsphase ist abgeschlossen, wenn die Beanspruchungsparameter einen "steady state" (= Fließgleichgewichtszustand) erreicht haben. Dieser kommt jedoch nur bei Belastungen innerhalb der Dauerleistungsgrenzwerte zustande.

       
umstel1.jpg (118712 Byte)
  Abbildung 5: Verhalten von Beanspruchungsparametern unter Belastung
 

Die Umstellung auf Arbeit wird durch mehrere "Kopplungsmechanismen" reguliert:

  
kopplung.jpg (34177 Byte)
 
Zur Objektivierung, Skalierung und Bewertung der Beanspruchung werden in der Arbeitsphysiologie eine Vielzahl von Funktionsgrößen untersucht, so z.B.:
  • Herzschlagfrequenz, Herzfrequenzarrhythmie, Herzminutenvolumen,
  • Atemfrequenz, Atemzeitvolumen,
  • Sauerstoffaufnahme, Arbeitsenergieumsatz,
  • Veränderungen des Elektromyogramms,
  • Hormonspiegelveränderungen (z. B. Katecholamine),
  • Konzentration bestimmter Stoffwechselprodukte im Blut (Milchsäure, Schadstoffe, Schadstoffmetaboliten),
  • Veränderungen von Enzymaktivitäten,
  • Erlebensvariable (Ratingskalen für Anstrengungserleben).

Gegenüber der Ruhesituation können diese Parameter eine erhebliche, relativ betrachtet allerdings sehr unterschiedliche Veränderung erfahren:

   
Tabelle: Physiologische Parameter in Ruhe und bei maximaler Belastung einer "Normalperson"
Parameter

Dimension

in Ruhe

unter Belastung

Steigerung durch Belastung

Sauerstoffverbrauch im Muskel

mg pro kg Muskel

 1,5

 150

 x _100

Muskeldurchblutung

ml / kg

30

900

x _30

CO2-Abgabe

l / min

0,2

3,5

x _17

O2-Aufnahme

l / min

0,25

4

x _16

Atemminutenvolumen

 l / min

 5

 80

 x _16

zirkulierende Blutmenge

 l / min

 4

 32

x _8

Herzschlagfrequenz

min-1

60

240

x _4

Atemfrequenz

min-1

10

35

x _3,5

   
 
Welche methodologischen Zugangswege können Sie sich vorstellen, um die bei Tätigkeitsbeginn ablaufenden Umstellungsreaktionen sowie die Beanspruchung überhaupt zu objektivieren?

 

Anpassung an Arbeit __

 
Anpassung an Arbeit ist die Gesamtheit der morphologischen und Funktionsveränderungen des menschlichen Organismus nach wiederholtem Tätigkeitsvollzug. 
 

Sie dauert Tage, Wochen oder gar Monate und beinhaltet Übungs- und Trainingseffekte.

Durch die Entwicklung optimaler Handlungsmodelle (=  Übung, dynamischer Stereotyp) sowie infolge einer Zunahme der Muskelmasse, des roten Blutfarbstoffes, der Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems (= Trainingseffekte) hat sie eine Ökonomisierung der Belastungsbewältigung zur Folge.

Neben diesen allgemeinen Anpassungsreaktionen sind bei bestimmten Belastungen auch spezifische Adaptationen möglich:

  • bei Aufenthalt in großer Höhe: Zunahme des Hämoglobingehaltes und der Gesamtmenge des Blutes,
  • bei Hitzearbeit erfolgt eine "Hitzeakklimatisation", erkennbar u. a. an der Bildung eines salzarmen Schweißes ,
  • Einige chemische Schadstoffe können nach fortgesetzter Exposition infolge einer Resorptionshemmung, Enzyminduktion und Veränderung von Rezeptorfunktionen besser toleriert werden.
 
Was verstehen Sie unter "Anpassung an Arbeit"? 
Kennen Sie spezifische Anpassungsreaktionen?

 


Belastungs- und beanspruchungsbedingte Zustände geminderter Leistungsfähigkeit

     
Mögliche negative Langzeitfolgen beruflicher Belastung und Beanspruchung wurden im Abschnitt go_next.gif (886 Byte)  "Das Belastungs- Beanspruchungs- Konzept aus arbeitsmedizinischer Sicht; - Bewertung der Phänomene Belastung und Beanspruchung" bereits dargestellt.

Daneben ist jedoch auch innerhalb kurzer Zeiträume im Verlaufe einer Tätigkeit eine in der Regel reversible Abnahme der Leistungsfähigkeit zu beobachten. Je nach Art, Dauer und Intensität der Beanspruchung kann es sich dabei um Ermüdung, den Monotoniezustand, Streß oder psychische Sättigung handeln.

 

Die Ermüdung

  • ist eine
    • tätigkeitsbedingte,
    • reversible
  • Minderung der Leistungsfähigkeit,
    • welche an peripheren und zentralen Ermüdungssymptomen erkennbar ist und
    • eine Schutzfunktion darstellt.
 

Ermüdungssymptome 

Periphere Phänomene  Zentrale Zeichen
Muskulatur : 
  • Verminderung der Kraft
  • Periphere Dysregulation (Erhöhung des Ruhetremor, Zunahme der Restspannung)

Blutsystem : 

  • Leucozytose (= Erhöhung der Anzahl weißer Bultkörperchen im peripheren Blut)
  • Linksverschiebung (= Ausschüttung von jugendlichen weißen Bultkörperchen in die periphere Blutbahn)

Atemfunktion / Stoffwechsel : 

  • Anstieg des O2-Verbrauches (trotz gleichbleibender Arbeitsschwere!)
  • pH - Abnahme (durch Ansammlung von Milchsäure, Brenztraubensäure in der Muskulatur)
  • Anstieg des anorganischen Phosphates

Herz-Kreislauf- System : 

  • Ermüdungspulsanstieg
  • Perzeptionsstörungen (Veränderungen der Empfindlichkeitsschwellen u.a. des Auges, des Ohres)
  • Wahrnehmungsstörungen (Illusionen = Falschdeutungen von Wahrgenommenem; Halluzinationen = Wahrnehmung von nicht Vorhandenem)
  • Störung der Auge-Hand-Koordination (ungenaue, ungeschickte Bewegungen)
  • Aufmerksamkeitsabbau
  • Konzentrationsabbau
  • Denkstörungen (z.B. Nachlässigkeit bei der Meinungsbildung, höhere Toleranz gegenüber eigenen Fehlern, voreilige Entscheidungen) 
  • Antriebsstörungen
  • Veränderung des sozialen Verhaltens (geringere Bereitschaft zur Informationsweitergabe, unkontrollierte Affekte)
     

  • Müdigkeitsgefühl 
    (nicht identisch mit "Ermüdung" !!)
 

DieUrsache für die Ermüdung ist eine zentrale Hemmung infolge des Aufbrauchs von Leistungspotenzen.
Sie kann durch Erholung nach Tätigkeitsunterbrechung abgebaut werden. Die erforderliche Erholungszeit ist abhängig von der Höhe und Dauer der vorausgegangenen Belastung.

Im Verlaufe eines Arbeitstages wird durch Pausen Erholungszeit gewährt und damit der Ermüdung entgegengewirkt.

Die Rückbildung der Ermüdungszeichen erfolgt nicht linear, sondern nach einer exponentiellen Funktion. Die ersten Minuten einer Pause haben den höchsten Erholungswert (s.a. ”Erholungsphase” in go_next.gif (886 Byte)Abbildung 5).

Was verstehen Sie unter "Ermüdung", wodurch ist sie bedingt, wie kann sie abgebaut werden? 

Der Monotoniezustand

  • ist ein ermüdungsähnlicher Zustand,
    gekennzeichnet durch
    • einen Vigilanzverlust,
    • einen Aktivierungssabbau,
    • ein subjektives Müdigkeitserleben und
    • eine allgemeine Handlungs-Dysregulation.

Er wird durch einen Mangel an unspezifisch aktivierenden Reizen verursacht und kann im Gegensatz zur Ermüdung durch Reizangebot schlagartig abgebaut werden.

 
Was verstehen Sie unter "Monotoniezustand" ?
Wodurch ist er bedingt, wie kann er abgebaut oder verhindert werden?

 

Streß
  • ist eine belastungsbedingte Reaktionslage,
    gekennzeichnet durch
    • ein meist inadäquat hohes allgemeines Aktivierungsniveau,
    • eine Handlungs-Dysregulation und
    • eine emotionale Reaktion,
      welche der Betroffene als Befürchtung, Bedrohung, Gefährdung, "hilflos ausgesetzt-sein" oder mit ähnlichen Inhalten erlebt.

       
Ursache für Streß ist eine aktuelle "Zustandsdiagnose", welche die Befürchtung beinhaltet, daß die Erfüllung eines als wesentlich befundenen Bedürfnisses gefährdet ist (Solch dominante Bedürfnisse sind z.B. "Ich will am Leben bleiben", "... gesund bleiben", " ... ein mir selbst gestelltes Ziel erreichen", "... von mir erwartete Leistung erfüllen", "... keine Kritik hinnehmen müssen").  

Auslösend ist oft ein subjektiv konstatiertes Mißverhältnis zwischen der zu bewältigenden Belastung und den nach eigener Einschätzung verfügbaren Leistungsvoraussetzungen ("Ich muß etwas, was ich nach eigener Einschätzung wohl nicht kann").

Der Abbau bzw. die Vermeidung von Streß gelingt, wenn entweder eine Reduzierung der Anforderungen möglich ist oder eine situationsgerechte Bewältigungsstrategie gefunden wird. 

 
Was verstehen Sie unter "Streß", 
wodurch ist er bedingt, 
wie kann er abgebaut oder verhindert werden?

   

Psychische Sättigung
  • ist ein streßähnlicher,
  • vorwiegend emotional getönter Erlebenszustand
    • mit erlebter Abneigung (gegen Tätigkeiten, Personen, Situationen),
    • evtl. affektiver Spannung
    • bei meist inadäquat hoher Aktivierung und
    • einer daraus resultierenden Handlungsdysregulation.

  

Ursache ist der Zwang, eine den eigenen Bedürfnissen entgegenstehende Anforderung bewältigen zu müssen ("Handlungszwang gegen die Bedürnisspannung"; "Ich muß etwas, was ich nicht will" ).

Der Abbau bzw. die Vermeidung von psychischer Sättigung ist möglich, wenn entweder eine Beendigung bzw. Änderung der auslösenden Anforderung erfolgen kann oder wenn eine Änderung der Motivation gelingt.

   
Was verstehen Sie unter "psychischer Sättigung", wodurch ist sie bedingt,wie kann sie abgebaut oder verhindert werden?  

 

Werden im Verlaufe einer ermüdenden, zu Streß oder psychischer Sättigung führenden Tätigkeit keine, zu wenig oder zu kurze Erholungspausen gewährt, dann kann sich ein Phänomen mit andauernder Verschlechterung der Aufgabenbewältigung und potentieller Gefahr der Gesundheitsschädigung entwickeln:
 
Übermüdung Zustand beginnender Destabilisierung von Organfunktionen und der Wechselwirkung zur Umwelt als Folge des Mangels an Erholung
Chronischer Streß Zustand des Unvermögens der Bedürfnisbefriedigug bei gestörten Wechselwirkungen zur Umwelt und Störungen der Regulation von Körperfunktionen
Erschöpfung Pathologische Zustände, bei denen die körperlichen Funktionen destabilisiert sind und ein funktionierender aktiver Umweltbezug nicht mehr vorhanden ist.
Burn-Out-Syndrom
 

Beim Burn-Out-Syndrom handelt es sich um einen "Erschöpfungzustand als Folge hoher und langdauernder psychonervaler Beanspruchung", der am ehesten in "helfenden" Berufen, bei Tätigkeiten mit Publikumskontakt bzw. mit hohem   Kommunikationsbedarf beobachtet wird.

Als auslösende Belastungsfaktoren, - insbes. bei kombiniertem Vorkommen - werden angeschuldigt:

  • Auf sehr viele Sachverhalte achten zu müssen
  • Schnell reagieren müssen
  • Sich sehr konzentrieren müssen
  • Sich sehr oft umstellen müssen
  • Oft hetzen müssen
  • Häufig gestört werden
  • Hohe körperliche Belastung
  • Hohe psychische Belastung
  • Wenig Möglichkeit zum "Abschalten"
  • Keine Erfolgserlebnisse / häufig Frustration
  • Konflikte mit Vorgesetzten, Mitarbeitern, Kontaktpersonen

Die Symptomatik ist vielgestaltig:

 

Burn-Out-Syndrom

Körperliche Symptome

Psychische Symptome

Soziale Probleme

  • Blutdruck- und Pulserhöhung
  • Atembeschwerden
  • Engegefühl in der Brust
  • Obelkeit
  • Verdauungsstörungen
  • Magen-Darm-Ulcera
  • Kopf- und Rückenschmerzen
  • Schlafstörungen und Alpträume
  • Infektanfälligkeit
  • Konzentrations-/ Gedächtnisschwäche
  • Desorganisation/mangelnde Präzision
  • Entscheidungsunfähigkeit
  • Interesselosigkeit
  • Depressivität
  • Aggressionen
  • Substanzmißbrauch (Alkohol, Sedativa)
  • reduzierte Anteilnahme an anderen
  • Eifersucht
  • Konflikte mit Angehörigen
  • Meidung informeller Kontakte
  • Rückzug am Arbeitsplatz
  • Vereinsamung
      
Erschöpfungs- und Burn-Out-Syndrom verlaufen phasenhaft: 
     
1. Regressions- oder
Aggressionsphase
(abhängig von Persönlichkeitsstruktur)
  • Verschlechterung des zielorientierten Verhaltens
  • Fehlerzunahme
  • Unsinniger Einsatz von Kraftreserven
  • Verlust der Entspannungs- und Erholungsfähigkeit
  • Emotionale Steuerungsmängel
2. Resignationsphase
  • Weitere Leistungsminderung
  • "Sich-abfinden" mit der Situation
3. Restitutionsphase
(bei günstigem Verlauf)
  • Rückbesinnung auf bewährte Verhaltensweisen
  • Trial-and-Error-Verhalten
  • Zunehmend zielorientiertes Verhalten
  • Wiedergewinnung der Stabilität
pdf_Tk.gif (1045 Byte) Kurzinformation zum "Download" (Dateiname: PsychBel.pdf; 4 Seiten A4, 93 kB)

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© E.Münzberger -    - letzte Revision: 05.05.05